„We’re having so much fun!“ – Warum unsere Spielplätze so leise geworden sind (Teil 1 der Serie: Zwischen Bildschirm & Beziehung)

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Ich bin viel auf Spielplätzen unterwegs. Gezwungenermaßen. Dabei kann ich wunderbar beobachten. Und ich sehe vor allem Dinge, die ich vor acht bis zehn Jahren – als ich mit meinen großen Kindern dort abhängen musste – so noch nicht beobachtet habe.

Erstens: wo sind die Kinder?

Zweitens: Warum spricht niemand mehr miteinander?

Versteht mich nicht falsch, ich bin ein introvertierter Mensch. Ich will mich auf dem Spielplatz überhaupt nicht unterhalten. Ich hasse Smalltalk und ich würde niemals auf die Idee kommen dich anzusprechen. Nicht weil ich dich nicht mag (wie könnte ich auch), sondern weil ich Kommunikation über das Wetter oder die Windelgröße meines Kindes nicht als besonders bereichernd empfinde. Du wirst mir sowieso nicht ehrlich erzählen, dass deine letzte Nacht scheiße war und du seit drei Tagen nicht mehr in Ruhe auf Toilette warst, obwohl ich das eigentlich viel interessanter und authentischer fände, als die unterschwellige Vergleichsunterhaltung über unsere Kinder.

Dennoch wurde vor zehn Jahren tendenziell mehr miteinander gesprochen. Man hatte ja auch sonst nichts zutun während man da so rumbuddelte und Windelpos die Rutsche hochschob.

Heute schon. Heute hülle nicht nur ich mich im Schweigen, sondern auch alle anderen – selbst die Kinder.

Smartphone vor Kind?

Okay, das ist vielleicht etwas übertrieben, aber ich möchte an dieser Stelle gerne meine Beobachtungen der letzten Monate mit euch teilen (alle auf dem Spielplatz):

Ein Nachmittag in Stille

Vor einigen Tagen beobachtete ich einen Papa mit seiner Tochter (Vorschulalter, würde ich schätzen) und seinem Sohn, der gerade frisch auf den eigenen Beinen unterwegs war. Sie waren vielleicht eine halbe Stunde da. Miteinander gesprochen hat in dieser Zeit niemand. Außer kurz beim Ankommen und beim Aufbruch: „Komm jetzt, wir müssen los!“„Och nö!“„Doch, los!“

Zwischendurch schob er den Kleinen in der Karre hin und her und starrte auf sein Smartphone, die Große spielte allein. Kurz darauf war der Knirps wieder zu Fuß unterwegs und rannte – beachtlich nah (heißt: ein spontaner Richtungswechsel = Schnabel im rechten Nasenloch) – einem Storch hinterher, der bei uns im Park gern spazieren geht. Und der Papa? Macht ein Video, ohne jede Mimik. Mit seinem Sohn sprechen? Ihn zur Vorsicht ermahnen? Seine Begeisterung teilen? Stille.

Ein paar Meter weiter lief ein Papa mit Baby in der Trage vorbei. Ein bereits sehr kommunikatives, waches Baby, das die Welt entdeckte und lautstark vor sich hin brabbelte. Papa hatte Kopfhörer in den Ohren und brachte nicht mehr als ein mechanisches „Mhmm“ als Antwort.

Am selben Tag beobachtete ich eine Mutter, die ihr Kind anschaukelte. Sie telefoniert über In-Ears mit jemandem. Sie redet viel, aber nicht mit dem Kind. Das Kind spricht auch nicht. Es sitzt einfach nur da und schaukelt im Takt eines Gesprächs, an dem es nicht teilhaben darf.

„Wir haben doch so viel Spaß!“

Besonders hängen geblieben ist mir eine Szene, die ich eigentlich sehr sinnbildlich für jede andere finde: Eine Mutter (oder ein Aupair-Mädchen, sie sprach englisch mit dem Kind) sitzt mit einem Kind im Sand. Das Kind buddelt allein, sie tippt auf dem Telefon. Minutenlang absolute Funkstille. Als das Kind schließlich aufsteht und signalisiert, dass es gehen möchte, packt die Frau das Handy weg und sagt : „Why? We’re having so much fun!“

Really?! Immerhin, dann legte sie ihr Handy beiseite und begann mit dem Mädchen zu spielen.

Ich finde diese Szene deshalb so sinnbildlich, weil dieses Kind etwas getan hat, was die anderen nicht getan haben: sie hat deutlich gemacht, was sie davon hält.

Das Privileg des Scrollens

Ich will hier nicht den moralischen Zeigefinger heben. Ich bin keine Heilige, ich habe selbst eine steile Lernkurve hinter mir (dazu in den nächsten Artikeln mehr).

Und ich will ehrlich sein: Ich beneide die Eltern auch, die entspannt auf der Spielplatzbank sitzen und scrollen oder am Handy arbeiten können. Mein kleiner Sohn würde niemals, wirklich niemals auf die Idee kommen, auf dem Spielplatz alleine zu spielen. Warum auch? Mama ist ja da. Das ist halt Typsache – bei meiner Großen konnte ich damals problemlos auf der Bank sitzen. Aber damals, vor zehn Jahren, war das Smartphone noch nicht so präsent. Da haben sich die Mütter auf den Bänken noch miteinander unterhalten. Wie wir bereits wissen: Ein seltener Fall heute.

Versteht mich nicht falsch: Es ist absolut okay, sich als Eltern Pausen zu gönnen. Es ist okay, die Spielzeit der Kinder „effektiv“ zu nutzen, wenn sie glücklich alleine oder mit anderen Kids vertieft sind.

Die Frage, die ich mir nach diesen Nachmittagen aber immer wieder stelle, ist eine andere:

Was macht es mit unseren Kindern, wenn wir zwar körperlich anwesend, aber geistig meilenweit weg sind? Was filtert ihr kleines Verarbeitungszentrum heraus, wenn unsere Antwort auf ihre Entdeckungen nur ein abwesendes „Mhmm“ ist?

Und die Kinder in meinen Beobachtungen waren nicht glücklich alleine oder mit anderen vertieft. Sie waren alleine mit ihrem Elternteil da, direkt neben ihnen. Aber im wahrsten Sinne alleine. Und das macht einen Unterschied.

Wir sind die Vorbilder, das ist es, was wir gerade vorleben. Aber wir sind auch diejenigen, die die Verbindung zu unseren Kindern wieder herstellen können. Denn unsere Kinder wollen diese Verbindung naturgegeben. Sie passen sich nur an das Schweigen an, wenn wir es ihnen vorleben.

Im nächsten Teil möchte ich mit euch einen Blick hinter meine eigenen Kulissen werfen: Warum der digitale Babysitter bei uns zu echtem Stress wurde, wie meine Tochter durch falschen Medienkonsum Ängste entwickelte – und wie wir als Familie den Weg zurück zu einem (würde ich behaupten) gesunden (und immer wieder sich verändernden) Mittelweg gefunden haben.

Butter bei die Fische – und Poesie in die Box

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